Dorfleben in Brandau

Dorfleben in Brandau um 1900

Auszüge aus der Beilage der Odenwälder Heimatzeitung.
Der Artikel wurde von Peter Weber um 1955 geschrieben.
Peter Weber ist 1886 in Brandau geboren, (Schlossersch)
Er war der ältere Bruder von Georg Weber, der Lehrer in Brandau war.
Peter Weber war Rektor in Erbach und ist 1967 gestorben.

Leben und Treiben in einem Odenwalddorf wie es sich in der Erinnerung an meine Kindheit lebendig erhielt. Sie wollen den Älteren und Alten im Geiste noch einmal die eigene Jugendzeit schenken, der jungen und jüngeren Generation soweit als möglich den Zeit-abschnitt kurz vor und um die letzte Jahrhundertwende mit erleben lassen und nicht zuletzt im bescheidenen Rahmen der Zukunft schon fast Vergessenes retten helfen. Wenn dabei mehr der vordere Teil des Odenwaldes zu Worte kommt, so muß das kein Nachteil sein; vieles war, wie ich hinlänglich feststellen konnte, im Gebiete der Mümling gleich oder mindestens ähnlich und kann so zu Vergleichen reizen.

Die 90-iger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als der Odenwald noch wirklich eine „Oase der Ruhe“ war, zum Dorfblild meines Geburtsortes Brandau. Es zählte damals etwa 700 Einwohner, ein Bestand der sich jahrelang kaum änderte. Der Ort trug fast rein bäuerlichen Charakter; auch die Handwerker, die Gewerbetreibenden, die wenigen Arbeiter und selbst der eine Lehrer des Dorfes konnten einen mehr oder weniger großen landwirtschaftlichen Besitz ihr eigen nennen, der eine gesicherte Ernährungs-grundlage bot.

Weil das Dorf an der Hauptstraße Darmstadt-Lindenfels lag waren die Verkehrsverhältnisse im Vergleich zu vielen Nachbarorten als durchaus gut zu bezeichnen, wenn man allerdings den damaligen Maßstab anlegt; die nächste Bahnstation Ober-Ramstadt oder Bensheim waren nahezu 15 km entfernt und wurden in der Regel zu Fuß erwandert. Ober-Ramstadt war allerdings noch mit der Postkutsche zu erreichen, die in der Hauptsache Paket- und Briefsendungen beförderte, neben dem Postillion aber auch noch einen Sitzplatz für einen Mitfahrer bot. Den gelegentlich einer notwendigen Reise benutzen zu können, war gar nicht so leicht, dazu war vor allem eine Vorausbestellung erforderlich, denn es hätte ja vielleicht zufällig am gleichen Tag noch ein 2. Ortsbewohner verreisen müssen.

Auch die nächsten Ärzte und Apotheken hatten ihren Sitz in Ober-Ramstadt und Bensheim. Die gesundheitliche Betreuung des Ortes und seiner Umgebung lag vorwiegend in der Obhut eines Heilgehilfen, der gleichzeitig auch als Rasierer tätig war. Er behandelte gegen ein geringes Entgelt alle Krankheiten von der einfachen Erkältung bis zu den ernstesten Fällen, zog die Zähne und heilte Arm- und Beinbrüche. Nur bei drohender Lebensgefahr wurde auf sein Anraten der Arzt gerufen; wenn der dann kam, horchte alles auf: denn jetzt wußte jedermann, daß es höchst bedenklich um den Patienten stehen mußte. Dabei standen Ärzte mit dem Dorfpraktikanten in einem ehrlichen Vertrauensverhältnis, das ebenso zwischen ihm und seinem Patienten herrschte.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gemeinde befanden sich durch größeren Waldbesitz in guter Ordnung; neben anderen Vorteilen hatten die Bürger alljährlich noch Anspruch auf Zuteilung mehrerer Meter Buchenscheitholz, die kostenlos überschrieben wurden.

Ein 1890 erbautes Schulhaus entsprach allen damaligen Ansprüchen und Forderungen; es enthielt neben den erforderlichen Schulräumen auch 2 sehr geräumige Lehrerwohnungen und ein Zimmer für standesamtliche Belange. Die beiden Klassen zählten zusammen durchschnittlich 110 bis 120 Kinder; höhere Schulen zu besuchen, war der Verkehrsverhältnisse, der Kosten und der weiten Entfernung der in Betracht kommenden Schulorte weniger günstig. Deswegen wählten die begabteren Schüler verhältnismäßig häufig den Lehrerberuf, weil das näher gelegene Lindenfels in seiner Präparanden-anstalt die erste Stufe des hierzu erforderlichen Ausbildungsweges bot.

Kirchlich gehörte die Gemeinde zu Neunkirchen, dem schon längst vor der Reformation bekannten Wallfahrtsorte mit seiner Heilquelle. Als hier die neue Lehre Einführung fand, hörten zwar die Pilgerfahrten auf, der kirchliche Mittelpunkt aber blieb trotz aller Fährnisse und Leidenszeiten bis heute.

Alle diese Verhältnisse prägten und formten das Wesen des Dorfes und seiner Bewohner, über die ein guter Kenner damals urteilte:
„Ein biederes Völklein wohnt auf unsren Höh´n, ihr Herz ist gut und treu, ihr Wort oft der und frei, doch aus der Zunge Laut das Herz dich frisch anschaut, Wenn´s Wort auch herb oft scheint, ´s ist gut gemeint!“

Diese poetische Charakterisierung soll ergänzend prosaisch noch etwas untermalt werden. Fleiß, Treue, Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und religiöse Gesinnung waren verbreitete Tugenden, zu denen sich bei Familienfeiern und festlichen Veranstaltungen vor allem noch Frohsinn und kameradschaftliche Geselligkeit fanden.

Die Arbeitsamkeit ließ weder im Tages- noch im Jahresablauf unbegründete Ruhepausen zu;
man kann sie fast als übertrieben bezeichnen. Wenn die Bewohner der Nachbarorte schon längst ihren verdienten Feierabend angetreten hatten, glaubten sie, die Hände noch nicht in den Schoß legen zu dürfen. Arbeit war ihnen höchste Verpflichtung. „Müßiggang ist aller Lasten Anfang“, galt ihnen nicht allein als Sprichwort, sondern auch als Wahrwort.

„Wer in de Hahmet net gawwelt,
Wer in de Aern nett zawwelt,
Im Herbst net beizeit uffstäiht,
Kann sehe, wie´s em im Winter gäiht!“

Auch die Kinder wurden schon in jungen Lebensjahren in den Arbeitsablauf eingeschaltet und mußten sowohl im Hause als auch in Feld, Wiese und Wald tüchtig zupacken. Frühjahr, Sommer und Herbst waren sie draußen die der Heu-, Getreide-, Kartoffel-, Rüben- und Obsternte. Dabei lernten sie Rechen, Gabel, Hacke, ja auch Sichel, Sense, Reff, Plug und Egge als Arbeitsmittel und das Fahren mit Kühen und Pferden gründlich kennen. Mit der Schulentlassung waren meist die Lehrjahre im land-wirtschaftlichen Betriebe schon abgeschlossen und je nach Neigung oder Abneigung auch die Wahlen zu den Lebensberufen getroffen.

Damals galt die Hilfe der Kinder für so wichtig, daß überall auf dem Lande die Schulferien nicht nach gesundheitlichen oder pädagogischen Gesichtspunkten im Hinblick auf die Jugend, sondern ausschließlich nach den Höhepunkten der bäuerlichen Jahresarbeiten festgelegt wurden. Die heilende Wirkung der heutigen mehrwöchigen Kuren und der Ferienaufenthalte in Schulheimen oder sonstigen geeigneten Stätten am Meer oder im Gebirge mußte damals der Aufenthalt in den heimatlichen Fluren spenden.

Für die Stärkung des Körpers und einen herzhaften Appetit der bei gemeinsamen Mahlzeiten im Kreise der Mitschaffenden unter blühenden Obstbäumen im Grase, auf Getreidegarben oder umgelegten gefüllten Kartoffelsäcken gestillt wurde, sorgte die Vielseitigkeit der Arbeits-gänge; allerdings verursachte auch mal ein Gewitter- oder naßkalter Herbstregen einen unliebsamen Szeneriewechsel beim Essen. Die heute so gefragte und begehrte Braunfärbung erhielten wir dereinst als Dreingabe und zwar in einer so starken Dosis, daß Hüte und Tücher als Abwehrmittel eingesetzt werden mußten.

Die Winterarbeiten waren bei uns weniger geschätzt, am allerwenigsten, wenn draußen Schnee und Eis lockten. Jetzt galt es das Holz zu hacken und es für den gesamten Brand in Küche und Stuben zu bringen – Kohlen als Hausbrandmittel wurden überhaupt nicht verwendet – sowie die Futterrüben für den Viehbestand zu säubern und in der Wurzelmühle zu zerkleinern, alles Tätigkeiten die an das Hais banden und so dauernder Beaufsichtigung unterlagen, was Buben bekanntlich gar nicht lieben. Höchste Anerkennung für geleistete Arbeit bedeutete für die Jüngsten Mutters oder Großmutters Lob: „Du bist a moin liewer Knäächt!“ bzw. „Du bist a moi liewi Maod!“ Als echte Arbeit galt aber nur die körperliche; wählte sich einmal ein begabter Junge einen geistigen Beruf, so mußte er überall hören: „Gäll du gäist a de Aerwet aus em Wäg!“

In fast allen Häusern wurde weitgehende Gastfreundschaft geübt; manche waren dafür gerdezu besonders bekannt. Kam zufällig ein Fremder um die Essenszeit in die Familie, so war ihm die Einladung zu Tisch sicher; ebenso verließ kein Bettler, die in jener Zeit die Straßen bevölkerten, hungrig das Anwesen; vorsichtig allerdings mußte man den Zigeunern gegenüber sein, die die Gutmütigkeit weidlich auszunutzen verstanden. Besondere Pflege erfuhr die Gastfreundschaft in Verwandtenkreisen, die sich namentlich bei den gegenseitigen Besuchen zeigte; eine Einladung zu irgend einer Festlichkeit konnte nur bei ganz schwerwiegenden Fällen abgelehnt werden.

Starker Besuch stellte sich vor allem zur Kirchweihe ein; schon am „Kuchenbackesamstag“ erhielten die Verwandten in den Nachbarorten mit der nochmaligen Einladung ihren Anteil „Kärwekuche“ ins Haus gebracht, was meist durch die Jugend geschah, die diese Aufgabe sehr gerne übernahm, weil dabei als Gegengabe kleine Trinkgelder abfielen, die das von den Eltern in nicht gerade fürstlicher Höhe gewährte „Kärwegeld“ angenehm ergänzten.

Ein schönes Beispiel gern gewährter Gastfreundschaft boten auch die Metzelsuppen, die die Wintertage etwas angenehmer gestalten halfen. Der ländliche Charakter des Dorfes ließ dann die Reihe der Hausschlachtungen kaum mehr abreißen. Je nach Familienstärke und dem sozialen Stande richtete ihre Zahl. Abends stellten sich dann die geladenen Nachbarn, Freunde und Verwandten zum Essen ein, das sich nach folgendem feststehenden Speisezettel abwickelte: Wurstsuppe mit Reis oder Brot als Einlage, Sauerkraut und Erbsenbrei und frischem Fleisch und als Abschluß Schweinepfeffer mit Fleisch. Besonders stolz war die Hausfrau, wenn der „Pfeffer“ gut geraten war, was nicht immer und auch nicht jeder Köchin gelang. In einer vorausgegangenen Tischrunde waren schon die noch schulpflichtigen Gäste, die Freunde und Freundinnen der Gastgeberkinder, mit denselben Gerichten abgespeist worden, erhielten aber noch zusätzlich beim Abschied ein besonders abgebundenes Leberwürstchen. Die sonst sehr strenge Schulzucht, nach der nach dem Abendläuten in der Dämmerstunde kein Kind mehr auf der Straße sich blicken lassen durfte, wenn es nicht in Begleitung von Erwachsenen Angehörigen ging, war in der Metzelsuppenzeit etwas gelockert. Dazu kam, daß den Nachbarn und Verwandten auch noch für eine ganze Familienmahlzeit Wurstsuppe, Sauerkraut und Schweinepfeffer mit ins Haus gebracht wurden.

Da diese Gabe auf Gegenseitigkeit beruhte, waren die Hausfrauen in dieser Zeit öfters der Sorge um die Speisekarte enthoben. Das Mittagessen am Schlachttage bestand aus einer Schweinefleischbrühe und Kartoffelsalat mit Wellfleisch. An Getränken wurden Apfelwein und Schnaps gereicht.

Mit der Gastfreundschaft gingen gegenseitige Unterstützung und Hilfsbereitschaft Hand in Hand. Das zeigte sich nicht nur bei leichteren Alltagsfällen, sondern auch in Zeiten wirklicher Not. Da die ledigen Kinder in der Regel bis zu ihrer Verheiratung im elterlichen Haushalte blieben und auch Knechte und Mägde genügend zur Verfügung standen, gab es in normalen Zeiten selten einmal Arbeitermangel. Das änderte sich meist nur in den Erntetagen und –wochen oder im Frühjahr beim Rübensetzen. Da helfende Maschinen völlig unbekannt waren und die Witterung in den Planungen eine Hauptrolle spielte, wurden dann zusätzliche Kräfte notwendig, die sich auch bereitwillig einstellten. Dafür wurde ihnen ein anderes Mal ebenso hilfsbereit ausgeholfen. Hatte ein Hof einmal Mangel an Setzlingen für seine Rübenäcker und der Garten des Nachbarn bot solche, so war kostenlose Hilfe selbstverständlich, selbst wenn Tausende davon erforderlich waren; im nächsten Jahre konnte der Fall ja genau umgekehrt liegen.

Ebenso stellten sich sofort nachbarliche Hilfsboten zum Arzt und zur Apotheke ein, wenn in einer Familie oder im Stall ein Krankheitsfall auftrat. Mit größter Selbstverständlichkeit opferte man seine Nachtruhe, wenn beim Nachbar etwa ein Muttertier Junge warf und Rat und Tat notwendig wurden.
Eine fühlbare geldliche Unterstützung erhielten die Bauherrn bei ihren Um- und Neubauten da sämtliche Fuhren von den Bauern mit Pferdegespannen unentgeltlich geleistet wurden, selbst wenn sie in die arbeitsreichen Zeitspannen fielen oder die 15 km entfernten Bahn-stationen als Ziel hatten; nur beim Schmaus gelegentlich des Richtfestes fehlten sie nicht; ihr Nichterscheinen hätte der Gastgeber als kränkend empfunden. Diese wenigen Beispiele mögen auch für die vielen nicht angeführten sprechen.

Strenges Einhalten der überlieferten religiösen Sitten und Formen ergänzen diese Betätigung vorbildlichen menschlichen Handelns. So war es ganz selbstverständlich, daß jeden Sonntag abwechselnd wenigstens ein Familienmitglied den Gottesdienst besuchte, Kinder, Mägde und Knechte nicht ausgenommen. An Hauptfest- und besonderen Feiertagen sowie zum Abend-mahl gingen die Eheleute gemeinsam; schon die Vorbereitungen hierzu ließen eine gewisse Feierlichkeit ausstrahlen; der Vater holte den Kirchenrock aus dem Schranke, die Mutter zog ihr gutes Kleid an, legte ein weißes Taschentuch auf das Gesangbuch, ging im Sommer noch in den Garten, pflückte dort eine Blume oder ein Sträußchen und legte es obenauf das Gesangbuch und Taschentuch. Diese religiöse Grundhaltung äußerte sich aber nicht nur im regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes oder nur der Formhalber erledigten gewohnheitsmäßigen Handlungen, sondern sie entsprang rechter Glaubensüberzeugung.

Ihre weitgehend von der Witterung abhängige und draußen in der Natur zu vollbringende Arbeit, ließ die Leute von selbst eine enge Bindung zu Gott finden. Die Feldarbeit wurde mit walte Gott“ eingeleitet und beendet. Ein besonders eindringliches Bild bot der Bauersmann, wenn er nach abklingendem Tagewerk noch auf seinem Acker war, das Dorfglöcklein zum Abendläuten anhub und der Hut oder Mütze andachtsvoll vom Kopfe nahm. Daß es hier auf diesem und jenem in dieser Abhandlung angeführtem Gebiete auch Ausnahmen und Außenseiter gab, ist selbstverständlich und natürlich.

Das Brot als eines der Hauptnahrungsmittel, als wertvollste Frucht bäuerlichen Schaffens und als eine von Gott besonders gesegnete Gabe, genoß hohe Verehrung; einen beim Essen herab-gefallenen Bissen liegen zu lassen oder gar noch zu zertreten oder ein Stückchen Brot achtlos wegzuwerfen, war undenkbar. „Wer das Brot nicht achtet und nicht ehrt, ist seiner unwürdig und nicht wert!“
Diese innere Einstellung zeigte sich schon in der Getreideernte, wobei der Acker n nach dem Garbenbinden nochmals durchgerecht wurde, um ja keine Ähre dem Verderb aussetzen zu müssen. Umgekehrt durfte die ärmere Bevölkerung ungehindert das Ährenlesen tätigen, wenn sie darauf angewiesen war, und sich damit einen kleinen Vorrat für ihren Mehl- und Brotbedarf anlegen konnte; ebenso blieben bei der Obsternte im Herbst kleine Mengen Äpfel und Birnen auf den Bäumen hängen, die dem „Stoppler“ verblieben, der mit dem Abernten dieses Restes seinen Winterbedarf deckte.

Die übernommenen und dann selbst gelebten Sitten blieben auch die stillen Miterzieher für die jungen Generationen, die zu ihren Eltern und Großeltern mit Achtung und Ehrfurcht aufblickten. Rein äußerlich ließ das schon die Anrede erkennen. „Ihr könnt mir mal ein Messer geben“, sagte das Mädchen zu seiner Mutter und: „Ihr könnt mir mal die Leiter halten“, der Bub zu seinem Vater. Das auf eine gemeinsame Ebene stellende vertraute „Du“ war nur in einigen wenigen Familien zu hören. Der von den Eltern errichtete Wegweiser für die Kinder fußte auf dem 4. Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren!“ sowie auf dem Mahnspruch:
Die Alten ehre stets,
Du bleibst nicht ewig Kind,
Sie waren wie Du bist,
Und Du wirst, wie sie sind.“
Widerrede oder Verweigerung einer aufgetragenen Arbeitsausführung wurde kaum gewagt;
trat der Fall einmal ein, so fand er schnellrichterliche handgreiflische Ahndung, weil man von der heilsamen Wirkung einer Ohrfeige zur rechten Zeit damals fest überzeugt war.
Auch Sparsamkeit, schlichte Hausmannskost und einfache Kleidung bewährten sich als durchaus anerkennenswerte Wegbereiter für die später zu bestehenden Notzeiten. Das allgemein übliche Barfußlaufen der Schulkinder in den Sommermonaten, ließ manche zu wahren Künstlern werden, die selbst die steinigsten Wege und die härtesten Stoppeln der Getreidefelder beim Ährenlesen mühelos und ohne Beschwerden überwanden.
Das Frühstück in der Schulpause wurde nach dem Rezept: „Trocken Brot macht Wangen rot!“ eingenommen und fand in den obstreichen Wochen Ablösung oder Ergänzung durch Äpfel oder Birnen aus heimischer Ernte.

Auch die kirchlichen Handlungen, die ja jede Familie einmal ansprechen, verliefen nach alter Tradition, wobei allerdings bemerkt werden muß, daß die weltliche Umrahmung meist die Hauptrolle in Vorbereitung und Ablauf spielte.

Die Taufe fand im Geburtshause statt, wobei der Pfarrer den Glöckner als Begleiter und Träger der notwendigen kirchlichen Gefäße mitbrachte. Pate zu werden, galt als hohe Ehre; die in Frage kommenden Anwärter boten sich nach hergebrachtem Brauche dazu an; mußte die Übernahme einer Patenschaft wider Erwarten einmal angetragen werden und wurde sie dann abgelehnt, so konnte das jahrelange Feindschaft bedeuten. Patenschaft bedeutet ja auch eine Verpflichtung zu Geschenken und nicht nur kirchlich gebotene Betreuung des „gehobenen“ Kindes in etwa entstehenden Fällen im späteren Leben. Aus dieser Einstellung heraus wurde ja auch das Sprichwort geboren:
„Kinner häiwe is e Ehr, äwer `s macht de Beitel leer.
War der Taufpate ledig, so erhielt er als Zeichen seiner neuen Würde ein Sträußchen an die Brust geheftet; damit war er „groß“ geworden und konnte nun die allseitig dargebrachten Glückwünsche entgegennehmen. Solange das Kind nicht getauft war, hieß es „Pannestielche“ und durfte nicht über die Schwelle der Haustür getragen werden.
Der Schmaus bei der Taufe war einfach und bestand nur aus Kaffee und Kuchen, wobei der Kaffee nachher in dem sich anschließenden Plauderstündchen durch Wein ersetzt wurde; Gäste waren neben dem Pfarrer mit seiner Begleitung und den Paten nur die nächsten Verwandten und Angehörigen.
Die Wöchnerin bedachte man bei Besuchen mit Kaffee und Zucker. Besuchte sie später zum ersten Male, den jungen Erdenbürger auf dem Arm, die Nachbarin, so erhielten sie das „Babbelei“, wobei Kundige den überlieferten Reim: „Wie das Hinkel anfängt zu grätzen, so fange du an zu schwätzen“, aufsagten. Das geschenkte Ei mußt wohl geschützt möglichst lange aufbewahrt werden.
Patengeschenke wurden bis zur Konfirmation an Weihnachten, Neujahr und Ostern und dann erst wieder bei der Verheiratung gegeben. Im dritten Lebensjahr an Weihnachten erhielt das Patenkind eine vollständige Kleiderausstattung; es wurde eingekleidet – „geklaat“. Bis dahin trugen Buben ebenso wie die Mädchen Kleidchen und Schürze; heute haben sich beide Geschlechter für Hosen entschieden.

Der alte Brauch, den Kinder Doppelnamen in der Zusammensetzung mit Johannes, Anna und Maria zu geben, weil Johannes der Lieblingsjünger Jesu, Anna die Mutter Marias und dies wieder die Mutter des Heilandes war, lebte jetzt nur noch in den Namen der ältesten Generation weiter.
Da kannte ich noch gut den Hannwilem, den Hannjer, den Hannpäirer, den Hannickel, die Amrie, die Annegräit, die Annäib usw. Zusammensetzungen aus Johannes mit Wilhelm, Georg, Peter, Nikolaus und Anna mit Maria, Margarete und Eva. Die Eltern meiner Generation hatten vielfach auch noch 2 Vornamen; die aber nicht zusammen gezogen wurden, sondern von denen der eine Rufname und auch nur allein allgemein bekannt war; sie hießen dann einfach Johannes, Wilhelm, Maria, Anna usw. Wir selbst waren meist nur noch einnamig.

Die erste bewußt empfundene Innere Begegnung mit der Kirche ist wohl die Konfirmation, die die Jungen und Mädchen zu meiner Zeit aus Herchenrode, Hoxhohl, Allertshofen, Brandau, Lützelbach, Laudenau, Winterkasten, Klein-Gumpen, Ober-Klein-Gumpen und Neunkirchen in der dortigen Mutterkirche zusammenführte und zu einer christlichen Gemeinschaft schmieden sollte. Das wäre für den Geistlichen eine fast unlösbare Aufgabe gewesen, wenn nicht das Elternhaus und die verschiedenen Dorfschulen streng auf ein gesittetes Benehmen geachtet hätten; denn wir waren 69 Konfirmanden und Konfirmandinnen, die bei Wind und Wetter 66 mal aus den verschiedenen Siedlungen zur Höhe strebten, wie meine damaligen Aufzeichnungen heute noch ausweisen.

Da wir in unserer Schulzeit keine Ranzen und erst recht nicht Mappen kannten, wurden diese durch große rot-weiß oder blau-weiß karierte Taschentücher ersetzt, die Bibel, Katechismus, Gesangbuch und ein Vesperbrot verhüllten und deren 4 Zipfel zu einem Knoten geknüpft waren. Das war das untrüglichste Zeichen für die Erkennung der neuen Konfirmanden, wenn sie ihren Weg nach Neunkirchen antraten. Dort kehrten wir nach Weisung der Eltern in eines der Gasthäuser ein, das dann bis zur Konfirmation Obdach bei schlechtem Wetter und zum Verzehren des regelmäßig mitgebrachten Brotes gewährte. Obwohl wir dabei kein Geld ausgaben, weil wir eben keines hatten, waren wir gern gesehene Gäste, weil wir ein Zukunftsgeschäft verbürgten.
Damals wurde das Mittagessen bei der Konfirmation nämlich nicht daheim im Elternhause, sondern in dem Neunkircher Gasthof eingenommen, der Unterschlupf zugestanden hatte. Da je nach Größe der Verwandtschaft oft eine stattliche Zahl Gäste daran teilnahm und die Konfirmandeneltern fleißig zum Trinken aufforderten, machten die Wirte meist recht zufriedene Gesichter.

Die kirchliche Feier lief im allgemein üblichen Rahmen ab; die Buben trugen ein Sträußchen aus künstlichen Blumen an der Brust und die Mädchen ein Kränzchen im Haar. Beide konnten vor dem Kirchgang noch an einem Verkaufsstand unter der großen Dorflinde erworben werden, wie mit der Konfirmation noch ein kleiner Markt verbunden war.
Nach dem Mittagessen gings heimwärts ins Elternhaus, wo die Feiern mehr oder weniger ausgedehnt fortgesetzt wurden. In Brandau sammelten sich unterdessen nochmals alle Konfirmanden, kehrten dann in alle Häuser ein, in denen sie oder ihre Paten wohnten und sangen in der Schule oder im Konfirmandenunterricht gelernte Lieder, wofür sie mit Kuchen und Getränken bewirtet wurden, ein Brauch, der meines Wissens in den übrigen Filialgemeinden nicht üblich war. In dem sangesfrohen Brandau mußte das Lied aber schon immer bei den verschiedensten Gelegenheiten Pate stehen.

Den größten Umfang erreichten die Familienfeiern bei den Hochzeiten, die sich nicht selten zu Feiertagen für das ganze Dorf auswuchsen. Sie fanden in der Regel an einem Donnerstag statt, wurden am folgenden Tage fortgesetzt und endeten vielfach erst am Vormittag des 3. Tages, aber erst, wenn die Hausfrau ein Machtwort sprach. Die Zahl der Gäste war ein Maßstab des Wohlstandes, schon deswegen recht hoch und überschritt vielfach die Hundertgrenze, dabei nicht eingerechnet alle diejenigen die durch besondere Dienstleistungen oder bezeugte Aufmerksamkeiten mit Speise und Trank versorgt werden mußten.
Standesamtliche und kirchliche Trauung reihten sich fast immer unmittelbar aneinander an; bei der ersten waren neben Trauzeugen nur wenige Teilnehmer anwesend, bei der zweiten möglichst alle. Zuvor erhielten im Hochzeitshause alle Gastkinder und die ledigen Erwachsenen ihre bunten Sträußchen, die bei den männlichen an der Brust und bei den weiblichen Gliedern im Haar zu tragen waren. Das Brautpaar mit den Trauzeugen und den Eltern sowie den Marschtüchtigen fuhren nach der weltlichen Trauung auf Stuhlwagen nach Neunkirchen, allerdings nicht ohne ein erzwungenes wiederholtes Anhalten durch ein quer über die Straße gespanntes Seil, das nur gelöst wurde, wenn von den Gehemmten ein entsprechender Tribut errichtet worden war. Dieses „Hemmen“ erstreckte aber auch auf alle übrigen erreichbaren Hochzeitsgäste; hierbei genügte schon die Aufforderung: „Hemm her“; damit sprach man hauptsächlich die Fußgänger auf ihrem Wege zu der kirchlichen Trauung an. Die Wagenkolonne auf ihrem ganzen Wege vom Standesamt bis zum Ortsausgang von den Burschen des Dorfes, die sich in Gruppen längs der Fahrstrecke verteilt hatten, mit dem Hochzeitsschießen freudig begrüßt und gefeiert. Freibier in verschiedenen ihnen bekannt gegebenen Gaststätten lohnte sie und ließ die Arbeit für diesen Tag ruhen.

Nach der kirchlichen Trauung erfolgte kurze Einkehr, bei den großen Hochzeiten meist in Gruppen, in den Wirtschaften von Neunkirchen, wo für die nötige Stimmung für den Heimweg gesorgt wurde. Unterdessen war daheim die Festmahlzeit vorbereitet worden: Die Verheirateten erhielten ihren Platz in der geräumigen Wohnstube, die Ledigen in „de Näwestubb“ und die Kinder je nach Platzverhältnissen in einer der beiden an einem besonderen Tisch.
Der Suppe folgte das Standartgericht einer jeden echten Bauernhochzeit Meerrettich mit Rindfleisch, Beilage und Kartoffeln; daran reihten sich weitere fleischreiche Gedecke, die durch vorausgegangene große Hausschlachtungen fundiert waren. Dem dabei fleißig zugesprochen Wein gelang es sehr bald, Hochstimmung zu erzeugen, die auf einmal ganz unerwartet durch lautes Jammern und Wehklagen jähe Unterbrechung fand. In der Tür erschien die Köchin mit dick verwickeltem Arm und erklärte unter bitteren Tränen, sie habe sich soeben bei der Arbeit schwere schmerzende Brandwunden zugezogen. Die Wissenden nahmen sofort schmunzelnd ihre Hüte und als darin die Trinkgelder klapperten, war die Köchin augenblicklich von ihren Schmerzen befreit.
Damit war der Start für die Fortsetzung von Heiterkeit und Frohsinn wieder freigegeben, wofür neben den in jedem Orte lebenden Witzbolden die reiche Auswahl von Volksliedern und lustigen Erzählungen bestens sorgten.
Nach der Kaffeetafel mit den Bergen von Kuchen und dem abwechslungsreichen Abendessen zog die Jugend in den Saal einer Wirtschaft, um dort zu den Weisen einer Ziehharmonika dem Tanze zu huldigen; die Alten blieben bei Fach- und Unterhaltung über das Tagesgeschehen zurück, und gerade beide Gelegenheiten wurden nicht selten die Schmiede einer neuen Ehe, vorbereitet auf dem Tanzboden von den Jungen oder auch im Wechselgespräch zwischen den beiderseitigen Alten.
„s is kao Hochzet noch so klao, Sie bringt wirrer ao.“
Um Mitternacht fand sich wieder alles im Hochzeitshause, und das frohe Treiben nahm im Verein mit Essen und Trinken seinen Fortgang; nach und nach suchten manchmal die ältesten Jahrgänge nun ihre Ruhestätten auf; der Großteil aber blieb bei froher Unterhaltung bis zum Tagesgrauen zusammen.
Nach der Viehfütterung in den heimischen Ställen kehrte dann alles möglichst bald wieder zurück; bis zum Mittagessen war die volle Zahl bestimmt erreicht.
Der 2. Nachmittag brachte die Ablieferung und Aufstapelung der Hochzeitsgeschenke, wobei die der beiderseitigen Paten mit besonderer Spannung von allen erwartet wurden. Das „Gothekissen“, von der Patin der jungen Ehefrau überreicht, mit Bändern und Schleifchen verziert und mit Bettfedern drall gefüllt, hatte seinen Wert in dem Gewicht und der Güte der Füllung. In einem Waschkorb kunstgerecht verstaut, stellte sich das „Petterngeschenk“ vor, das in der Regel aus Porzellangeschirr mit einem Kaffee- oder Eßservice bestand und das frühere Zinngeschirr abgelöst hatte; einige Proben von letzterem als Andenken aus dem elterlichen Hause konnte ich retten; denn Altertumsliebhaber durchstöberten gerade nach diesen einstigen Haushaltungsgegenständen die Bauernhäuser und ließen sie hier sehr selten werden.
Die Geschenke der Ortsgäste, soweit sie noch nicht überreicht worden waren, wurden von der Jugend im feierlichen Zuge abgeholt. Das war dann für die Dorfbewohner stets ein willkommener Ohren- und Augenschmaus und nicht minder ein unerschöpflicher Gesprächsstoff. Der weitere Ablauf ähnelte dem des ersten Tages; die Unentwegten fanden es für selbstverständlich, auch die 2. Nacht noch einmal durchzukosten und selbst den 3. Vormittag noch einmal der kameradschaftlichen Geselligkeit zu widmen. Daß an den Freudentagen auch Kuchen an Bedürftige und Bekannte in reichem Maße verschenkt wurde, war Ehrensache.

Eingeleitet und vorbereitet wurde die Hochzeit durch den „Verspruch“, abgeschlossen mit dem Einzug und der „Mitgift“ der jungen Frau; beide Begebenheiten lagen einige Wochen vor, bzw. nach den Festtagen. Bei der gegenseitigen Wahl der jungen Leute war oft nicht die Liebe zueinander, sondern die Entscheidung der Eltern ausschlaggebend, weil die Vermögensverhältnisse die Hauptrolle spielten.

Diese Einstellung spiegeln die Sprichwörter:
„Gut gefrühstückt spürt man den ganzen Tag,
Gut geschlachtet das ganze Jahr
Aber gut geheiratet das ganze Leben.“
Oder
„Wer nix erheiert unn nix erbt, bleibt aorm bis er sterbt.“

So gab es, wenn die von den Eltern schon sehr frühzeitig auftauchenden und im Stillen bewußt gelenkten Wünsche sich nicht erfüllten, weil die jungen Leute die Liebe als Motiv ihrer Annäherung wählten, oft sehr harte und lange Auseinandersetzungen, die durchaus nicht immer zur Aussöhnung und zum Sieg der Liebe führten. Ich glaube, das einst vielgesungene Odenwälder Volkslied: „Wer lieben will muß leiden“, fand deswegen nirgends so viel inneren zustimmenden Widerhall als gerade in den jungbäuerlichen Kreisen. Erfahrungsgemäß hatte aber die jetzt Widerstand leistende ältere Generation gar nicht selten in ihrer eigenen Jugendzeit die gleichen Kämpfe durchzustehen, und manche einstige Streiterin konnte als jetzige Fürsprecherin sogar erfolgreiche Mittlerin werden.

Dieser Standpunkt zur Eheschließung wird von außenstehenden Kreisen vielfach als groß egoistisch bezeichnet. Wer die Lage des Bauernstandes in jener Zeit aber kennt, wird sich diesem harten Urteil aber nicht ohne weiteres anschließen können.

Mit der Verheiratung des Jungbauern war in der Regel die Übergabe des Gutes an ihn verbunden. Die Eltern mußten nun zwangsläufig auf die wirtschaftliche Sicherung ihres Lebensabends bedacht sein. Blieb das Verhältnis zwischen jung und alt gut und bildeten sie eine einheitlich ausgerichtete Hausgemeinschaft, dann war die Altersversorgung zu keiner Zeit gefährdet. Im anderen Falle aber konnte ein einstens wohlhabender Bauer als armer Mann seine letzten Tage fristen.
So muß der „Verspruch“ oder „Handstreich“, der als schriftlicher Vertrag Rechtskraft erlangte, als Akt für die wirtschaftliche Sicherstellung des Altbauern und seiner Ehefrau betrachtet werden. Da er gleichzeitig als Verlobung der jungen Leute galt, kam ihm eine zweifache wesentliche Bedeutung zu.

Anwesend waren die beiderseitigen Eltern, unter denen die Höhe der Mitgift der Braut, aber auch der anzusetzende Wert des zu übernehmenden Gutes und der Umfang des Leibgedings für das auf das Altenteil zu setzende Ehepaar ausgehandelt wurden. Dazu kamen der beamtete Schriftführer, ein oder auch zwei Bekannte, die als Vermittler in den oft gar zu heftig werdenden Auseinandersetzungen tätig waren und die beiden Liebesleute, die aber natürlicherweise an den Verhandlungen weniger Anteil nahmen; denn sie waren sich längst einig. War dann endlich alles unter Dach und Fach gebracht, dann kam bei Speise und Trank, beim „Woiguff“, die gemütliche Nachfeier.
Doch nicht immer und überall ließ man das Vermögen ausschlaggebend sein; manche hielten es auch mit dem Sprichwort: „Klao unn wacker baut aach en Acker.“

Einige Wochen nach der Hochzeit erfolgte der endgültige Einzug der jungen Frau in ihr neues Heim. War sie aus dem Dorfe selbst, so geschah das „unter der Hand“, gerade wie es den Beteiligten am besten paßte. Kam sie aber von auswärts, so wurde das namentlich von dem weiblichen Bevölkerungsteil mit Spannung erwartet; denn nicht nur die Höhe des geldlichen Vermögens, sondern auch die Aussteuer galt als Gradmesser der von dem jungen Ehemann gemachten „Partie“. Auf einem geschmückten Leiterwagen waren die Möbel, Wäschestücke und sonstige elterliche Gaben verstaut; ganz oben thronte das fix und fertig zum Gebrauch hergerichtete Bett. Neben den Fahrer saß die Einziehende. Pferde und Peitsche trugen bunten Bänderschmuck; hinter dem Wagen schritt eine an der Kette geführte Jungkuh, ein Bindeglied zwischen den Ställen der nun verwandten Höfe.

Auch bei Trauerfällen zeigte sich das ganze Dorf als eine an dem Leide der betroffenen Familie teilnehmende Gemeinschaft. Neben den nächsten Verwandten stellten sich die Nachbarn als Künder der Trauerbotschaft für die Nachbardörfer bereitwillig zur Verfügung, ebenso fuhren sie mit ihren Pferdegespannen und einem ihrer Wagen den Verstobenen zu seiner letzten Ruhestätte; auch die Träger des Sarges waren Nachbarn. Pfarrer, Sargträger und Fahrer erhielten je einen Rosmarinzweig, der von dem ersten auf seinem Gebetbuch, von den übrigen an der Brust zu tragen war. Selten war ein Haus in dem Trauergeleite nicht vertreten. Kränze und sonstige Blumengebinde erhielten nur Kinder und die ledigen Erwachsenen.
Vor dem Leichenbegräbnis sammelten sich die nächsten Verwandten und Freunde im Trauerhause, wo sie an weiß gedeckten Tischen, auf denen Wein und Kuchen für sie bereit standen, Platz nahmen, auch nach der Bestattung kehrten sie dorthin zurück, um gemeinschaftlich mit dem Pfarrer Kaffee zu trinken. Eine Ablehnung für eine hierzu ergangene Einladung empfand man als kränkend, wenn nicht ganz triftige Gründe vorlagen. Nach dem Abendessen fand der „Flannerts“ im Sterbehaus statt, wobei die Erschienenen nochmal mit Speis und Trank bewirtet wurden.

Wenden wir uns nun den kirchlichen Feiertagen zu;
Am Anfang mögen Sylvester und Neujahr stehen, die als Einheit gesehen werden müssen. Die Feier des Übergangs vom alten zum neuen Jahr war Vorrecht der Burschen und Männer, die sich nach dem Abendessen in den verschiedenen Dorfwirtschaften einfanden, um dort in froher Gesellschaft den Jahreswechsel zu erwarten. Dorfbekannt waren einige Kartenspieler, die nur in dieser Nacht zur Karte griffen, dem „Zwicken“ frönten und nach altem Brauche bis zum späten Morgen aushielten.
Die Mehrzahl der Ehemänner kehrte kurz vor Mitternacht zur Familie zurück, um daheim das neue Jahr zu beginnen. Eine besondere Feier fand nicht statt; man zog die Bettruhe vor und weckte nur die Kinder, damit sie das Einläuten zum Jahreswechsel nicht verschliefen.

Die unverheirateten Burschen dagegen verlebten ihn zunächst auf der Straße. Singend, wenn möglich durch einen Ziehharmonikaspieler unterstützt, zogen sie beim ersten Glockenschlag durch das Dorf, machten an den Häusern ihrer Eltern, Bekannten, Verwandten und Auserwählten Halt, um mit Schießen und frohen Zurufen ihre Neujahrswünsche zu entbieten. Als Dank für die erwiesene Ehre beschenkte man sie mit Bargeld oder Würsten, was dann zu gegebener Zeit gemeinsam entsprechend umgesetzt wurde.
Der erste Neujahrstag sah dann in der Mehrzahl Männer beim Gottesdienst; unterdessen stellten sich in den Häusern die jugendlichen Gratulanten ein, um ihre Sprüchlein aufzusagen, wofür man sie mit Kleingeld bedachte. Die Buben schossen dabei ihr Kinderpistolen ab, die sie mit Zündblättchen geladen hatten, und die man bei uns „Buffert“ nannte. Von den vielen gereimten Wünschen habe ich nur noch wenige im Gedächtnis.

„Ich wünsch ein glückseliges neies Johr, E Brezel wie e Scheierdor,
Enn Lebkuche, wie enn Kaffeedisch, Daß ihr auch wißt, daß Neijohr is“

„Ich wünsch Eich Glick zu jeder Zeit, Viel mehr als Sand am Meere leit,
Bleibt alle froh unn kerngesund, s` ganze Johr unn alle Stund“

„Ich wünsche euch aus Herzensgrund, Ein frohes Jahr in dieser Stund,
Ein frohes Jahr voll Glück und Freud, Ein frohes Jahn ohn` Herzeleid,
Das ist mein Wunsch getreu und wahr, Das wünsch ich euch zum neuen Jahr.“

Das Aufsagen erfolgte je nach Kennen und Können im Dialekt oder in Hochdeutsch. Am liebsten sah man als erste Wünscher die Knaben, die als besonders sichere Glücksbringer galten; weniger willkommen waren alte Weiber.

Am Nachmittag kamen dann Petter und Goth zu den Patenkindern und überbrachten ihnen neben einem bescheidenen Geldgeschenk eine mindestens ½ Meter große Bretzel aus Weißmehl, die von manchen Bäckern sehr liebevoll noch mit einem aus dem Teig geformten Zopf verziert war. Ein gemeinsam getrunkener Kaffee war äußeres Zeichen gepflegter Freundschaft. Selbst die Tage hernach stellten sich noch Neujahrswünscher sogar aus weit abgelegenen Ortschaften ein.

Der Abend vereinte Männer und Frauen zu geselligen Zusammenkünften in einigen hierfür geeigneten Wirtschaften, bei denen vor allem der reiche Schatz heimischer Volkslieder und scherzhafte Erzählungen die Stunden im Fluge dahin schwinden ließen; im allgemeinen war Wirtshausbesuch ein ausschließliches Vorrecht der Männer; nur wenige Tage im Jahr gestatten eine Ausnahme und gestalteten dann aber die eindrucksvollsten Dorfgemeinschaftsabende.

Wenn dann beim Nahen des Frühlings auf Mutters Küchenherd ein irdener Topf mit eingeweichten Zwiebelschalen auftauchte, so war das ein untrügliches Zeichen, daß Ostern nicht mehr fern war. Kam eines Tages befreundeter Besuch mit Kindern, dann übernahm der Topf die Färberei des Osterhasen, die Mutter das Verstecken der Eier und die freudige Botschaft: „Eben ist ja der Osterhase über unseren Hof gelaufen!“ Im Nu war das Jungvolk draußen und kehrte mit glänzenden dankbaren Augen zurück.

Am Karfreitag Nachmittag war uns Kindern der Zutritt zur Küche verboten; dafür aber ging Vater mit uns in den Wald und ließ uns plötzlich im Moospolster unter einem Baum die ersten Proben entdecken, die Mutter hinter der verschlossenen Küchentür in ihrem Zaubertopf geschaffen hatte. Die Freude war groß und das Erzählen nach der Rückkehr wollte kein Ende nehmen.

Der Samstag blieb dem Sammeln von Moos und dem Bau der Osternester vorbehalten. Sie waren bei uns einfach herzustellen; ein Gärtchen mit einem Lattenzäunchen umgeben, mit Moos dicht ausgepolstert und mit den ersten Frühlingsblumen festlich geschmückt, lud den sehnsüchtig erwarteten Gast freundlich ein.

Der Odenwald soll nach Feststellung von Heimatkundlern in den einzelnen Bezirken eine ganze Reihe von Typen der Osternester gekannt haben, sämtlich von Vorfahren übernommen und stets den kommenden Geschlechtern weitergegeben.

Am Ostermorgen war dann alles frühzeitig auf den Beinen, um das Gelege des Osterhasen zu prüfen und ein zutun. Meist hatte ein rotes oder weißes Zuckerhäschen die Hut der Eier bis zu ihrer Entdeckung übernommen; die Schokolade trat erst später ihren Siegeszug an.

Am Nachmittag stellten sich dann wieder die Paten ein und brachten wie an Neujahr eine Brezel, dieses Mal aber nicht mit Geld, sondern mit 8-12 bunten Eiern als Beigabe. Auch von guten Bekannten und Nachbarn wurde man noch damit bedacht, sodaß ein Gesamtergebnis von 20 bis 25 Stück keine Seltenheit war.

Eine einmalige Begebenheit ist mir noch in frischer Erinnerung. Bekanntlich gibt es in jedem Dorfe junge Burschen, die ein besonders enges Verhältnis zur Natur unterhalten, die jeden Baum, jeden Vogel, jeden Fuchsbau, jede Wildwiese genau kennen. An einem Ostersamstag kam einer dieser Art in mein Elternhaus und erklärte, er ginge morgen in aller Frühe in den Wald, um von einem auf einer Blöße frei stehenden Felsen bei Sonnenaufgang das Osterlamm in Sonne springen zu sehen. Wir baten ihn, uns doch mitzunehmen, was er sofort zu unserer Freude zusagte. Am anderen Morgen machten wir uns mit ihm in aller Frühe auf den Weg und sahen nun gespannt von unserem Standort aus die Schönheit des aufgehenden Tagesgestirns.
Da plötzlich sein Ruf: „Eben ist es gesprungen“. Wir waren ziemlich enttäuscht, daß wir diesen Augenblick mit dem so heiß erwarteten Ostererlebnis verpaßt hatten, aber ich möchte glauben, er vermeinte es gesehen zu haben, denn er war ein ehrlicher anständiger junger Mensch. Obwohl sich meine Erwartung nicht erfüllte, war es doch mein in der Erinnerung am stärksten herausragender Osterspaziergang.

Wenn im Jahresablauf unsere Mutter Erde ihr schönstes und schmuckreichstes Gewand anlegt, dann kommen auch bald Himmelfahrtstag und Pfingsten und locken zu Ausflügen in die bräutlich gekleidete Natur. So heute, so einst. Während das in der Gegenwart motorisiert in fliegender Hast mit hunderten von Kilometern Fahrt geschieht, wanderte man damals mit Kind und Kegel im gemütlichen Fußmarsch durch die heimischen Fluren nach den in der Nachbarschaft liegenden, durch ihre landschaftlichen Reize und familiäre Gastlichkeit weither bekannten Ausflugsziele; Neunkirchen, Lützelbach, Lichtenberg oder auch dem Felsberg mit der Riesensäule und dem Felsenmeer. Wem das zu weit war, wählte wenigstens einen Gang durch die eigene Gemarkung.

Die Dorfburschen benützten diese festliche Zeit, um sich bei ihren Auserwählten durch vor dem Haus gesteckt Maibäume auch weiterhin die gewonnene Liebe und Zuneigung zu erhalten und zu sichern. Mädchen, die ein lockeres Leben führten, und bei denen die Untreue den Vorrang vor der Treue genoß, fanden statt der im jungen Grün prangenden Birken einen Korb ohne Boden auf einer langen Bohnenstange oder auch Häcksel vor der Tür.

Der 2. Pfingsttag hatte durch die Konfirmation ohnedies seine unantastbare Bedeutung im Volksleben. In jener Zeit eroberte auch das Fahrrad immer mehr Bewunderer und Freunde auf dem Wege von der Stadt aufs Land. Gesellschaften und Vereine schlossen sich zu gemeinsamen Fahrten zusammen und konnten jetzt leichter weiter entfernt liegende Ziele ansteuern, als das seither möglich war. Dabei wurde unsere Dorfstraße zu einer viel benutzten Teilstrecke auf dem Wege von Darmstadt nach Lindenfels, auf der besonders an den Ausflugstagen Himmelfahrt und Pfingsten große Trupps in ausgerichteten Reihen zu sehen waren. Jubelnd grüßten sich dann stets Zuschauer und Fahrer. Das erste von einem Brandauer gefahrene Rad war ein Hochrad, das in der ersten Zeit stets von einer Menge johlender Buben begleitet wurde.

Das mit der stärksten Sehnsucht erwartete und dann am freudigsten begrüßte kirchliche Fest war auch in unserer Jugendzeit schon Weihnachten, ein Freudenspender vom ersten Stückchen Gebäck an, das die Mutter unter unserer unerwünschten, aber trotzdem still geduldeten Mithilfe in der erwartungsgeladenen Adventszeit herstellte, bis zum Leeren des Zuckerbaums, wie der Weihnachtsbaum allenthalben im ganzen Dorf genannt wurde. Die heutige Vielart von Weihnachtsplätzchen kannte man noch nicht; bei uns gab es nur 2 Sorten: Butter- und Anisgebackenes, wovon das letztere in der hiesigen Gegend unter der Bezeichnung Sprengerchen bekannt ist. Dazu kamen noch Lebkuchen sowie großes Backwerk von besonderen Formen aus besserem Hefeteig, die nicht nur von den Eltern, sondern namentlich auch von den Paten geschenkt wurden.

Wenige Wochen vor Weihnachten erschienen alljährlich dieselben und gern gesehenen Hausierer mit großen Körben am Arm und auf dem Kopfe und boten ihre braunen Leckerbissen an; das Backwerk dagegen stellten auf Bestellung die ortsansässigen Bäcker her; beide Artikel waren als Puppen, Hasen und Reiter zu haben, bei Lebkuchen kam die Herzform noch hinzu.
Auch die Geschenke konnten an Wert und Zahl keinen Vergleich mit den heutigen Gabentischen bestehen; sie bestanden hauptsächlich aus notwendigen Kleidungsstücken; bei den Kindern kam höchstens noch etwas Spielzeug und im späteren Alter auch einmal ab und zu ein Buch, ein Laubsägekasten oder gar ein Paar einfache Schlittschuh hinzu.

Mittelpunkt des Blickfeldes war der strahlende Baum, der nicht wie jetzt schon wochenlang vorher an allen Ecken und Enden im Dienste des Wirtschaftslebens stand, sondern am Heiligen Abend als erster Künder der Weihnachtsbotschaft in Familien und Gotteshäusern Einkehr hielt; heute wenden sich die Augen erst dem zu, was der Tisch unter oder neben ihm zu bieten weiß. Geschmückt war dieser „Zuckerbaum“ außer mit den Kerzen, mit versilberten oder vergoldeten Nüssen, rotbackigen Äpfeln, dem selbst hergestellten Weihnachtsgebäck und höchstens noch mit weihnachtlichen Zuckerfiguren, die in Läden oder auch durch Hausierer zu beziehen waren. Es waren also alles eßbare Dinge, die beim Leeren des Baumes verteilt wurden und damit letzte Weihnachtsfreude bereiteten.

Mit den Erinnerungen an Weihnachten sind solche an die um diese Zeit sich meist auch zeigende Winterlandschaft eng verbunden, die das sonst im Jahre herrschende Straßenleben völlig änderte. Am Nordwesthang der Neunkircher Höhe gelegen, hatte der Ort schon immer einen redlichen Anteil an deren Schneereichtum, der sich oft wochenlang hielt und in allen Straßen und Gassen feste Schneebahnen schuf. Daß sich die Jugend jetzt auf ihren Kastenschlitten – andere Arten waren unbekannt – eifrig vergnügte, ist selbstverständlich. Aber auch die Großgefährten der Kinderschlitten kamen nun aus Schuppen und sonstigen Wirtschafträumen zu Vorschein, verdrängten die Wagen, die sonst in den bäuerlichen Fuhrbetrieben eingesetzt waren und übernahmen auf festen Arbeitsschlitten deren Aufgaben.

Weit reizender und unterhaltender aber waren die Fahrten auf den schmucken Vergnügungsschlitten durch die träumenden Schneegefilde; wer jemals Gelegenheit hatte, eine solche mitzuerleben, der wird sie in angenehmer Erinnerung behalten, namentlich wenn sie in einem kameradschaftlichen Zusammenschlusse ausgeführt werden konnte. Schon die frisch gescheuerten blanken Pferdegeschirre mit dem anheimelnden Schellengeläute unterstützten die frohe Erwartung, die dann bei frohem Liede, unterhaltendem Harmonikaspiel, freudig jauchzender Jugend bei Durchfahrt durch die verschiedenen Dörfer und Einkehr in ein gastliches Wirtshaus am Endziele die erhoffte Erfüllung fand.

Nicht minder begrüßt wurde der von 4 Pferden gezogene Schneepflug, von uns Bahnschlitten genannt, wenn er den gestörten Verkehr wieder regelte; besondere Freude löste der Aufsichtsführende bei den am Straßenrand wartenden Buben aus, wenn er sie zu einer kurzen Mitfahrt einlud. Doch nicht überall konnten die hindernden Schneemassen auf diese Art beseitigt werden. In diesem Falle rief in der Dämmerung am Morgen die Ortsschelle zur Gemeinschaftshilfe auf, und schon kurz danach stellten sich aus allen Häusern Burschen und Männer mit Schippen und Schaufeln zur Mitarbeit am bekannt gegebenen Ziele ein.

Mit einsetzender Schneeschmelze gewann die Straße nach und nach ihr altes Aussehen wieder zurück. Der Schlitten verschwand, und der Wagen trat wieder an seine Stelle. Fast ausnahmslos sah man nur einheimische Gespanne; nur an bestimmten Tagen mischten sich Fahrzeuge von auswärtigen Händlern darunter. Der Handel mit den Landwirtschaftlichen Erzeugnissen lag meist in den Händen der Juden, die in jedem Hofe aus- und eingingen; nach Gründung einer Spar- und Darlehnskasse in den 90-iger Jahren bahnte sich allmählich ein Wandel an.

Haustiere
In dieser Zeit zwischen Winter und Frühjahr, in der die Bauern noch über etwas mehr freie Zeit verfügten, fand immer in dem einen oder anderen Anwesen eine Auswechslung oder Ergänzung des Pferdebestandes statt, besonders gesucht waren die Füchse, von denen jeder das stolzeste Gespann besitzen wollte. Das bedeutete für die Pferdehändler Erntezeit. Die Dorfstraße war Vorführungsgelände für die zum Verkauf besonders herausgeputzten Tiere und die kauflustigen Bauern, die in ihrer Beurteilung von ihren Berufsgenossen, die zu einer solchen Schau stets in stattlicher Zahl vertreten waren, rege unterstützt wurden. Ein Peitschenknall des Händlers, und schon wußte der ihn begleitete Vorführer Bescheid.

Im Schritt, Trab und Galopp liefen die Pferde nun straßauf und straßab, gelobt von dem Händler und fachmännisch beurteilt von den Zuschauern. Kam der Kauf zustande, so folgte in einer der Wirtschaften ein mündlich abgesprochener Vertrag und der nun sich anschließende „Woiguff“, bezahlt nach der Abmachung zwischen Käufer und Verkäufer. Diese Weinsitzungen währten oft bis spät in die Abendstunden hinein; zeigte das gehandelte Pferd auf seinem neuen Platz vom Verkäufer absichtlich verschwiegene Mängel und Fehler, so kam es zum gerichtlichen Nachspiel, wobei die beim Handel Anwesenden dann als Zeugen aufzutreten hatten, was weniger angenehm war als die Teilnahme am „Woiguff“.

Nicht nur die Pferde, sondern auch alle übrigen Haustiere konnten das Straßenbild völlig ungestört und ungefährdet gestalten helfen. Während die Pferde werktags nur bei der Arbeit zu sehen waren, wurden sie am Sonntagmorgen nach sorgfältigem Putz in Stall und Hof auf der Straße ausgeritten oder am Zügel zur Schau geführt und dann zum Fußbad in die Modau gebracht.

Das in jedem Anwesen stark vertretene Federvieh kannte keinen Unterschied zwischen Sonn- und Werktag. Den Hühnern war die Straße jederzeit ebenso wie der Hof, Tummel- und Futterplatz. Im bekannten Gänsemarsch watschelten Gänse und Enten in Stallgemeinschaften von ihrem Heim aus unbeaufsichtigt, aber völlig sicher zum Bach und ebenso später wieder zurück. Das Halten von Gänsen war für jede tüchtige Bäuerin eine Selbstverständlichkeit, nach ihrer Ansicht mußten die benötigten Federn für die Betten und vor allem für die Aussteuer der Tochter im eigenen Betrieb gewonnen werden. Den einstigen Gänsehirten erlebte ich nicht mehr; seine Arbeit mußten jetzt die Buben besorgen.

Das Gänsehüten erfolgte durch sie meist nur noch nach der Getreideernte, weil die dabei ausgefallenen Körner ergiebige Futterstellen darstellten. Beim Austreiben wurden die ständig schnatternden Tiere zuerst auf die weiter entfernt liegenden Äcker gebracht, von wo sie sich dann immer dem Dorfe näherten. Auf dem letzten Weideplatz trafen sich dann in der Regel alle Hüter und Gehüteten der einzelnen Fluren um die gemeinsame Rückkehr vorzubereiten. Groß war stets die Freude wenn der Einzug der Schnatterer nicht zu Fuß sondern im Flug erfolgte. Sobald ein Tier zum Fliegen ansetzte, erhob sich kurz nacheinander der ganze Schwarm, verfolgt von den zum Wettlauf antretenden lärmenden Jungen; doch ehe diese ans Ziel kamen, hatten die einzelnen Gänsegruppen meist ihren Hof schon erreicht.

Nach Einbringen der Grummeternte bevölkerten auch noch Trupps von Ziegen, die jetzt mit ihren Hütern zu den abgeernteten Fluren zogen, die Straßen. Diese „Gaasebuwe“ hatten nur wenige Tiere zu hüten und deswegen auch mehr Zeit, die sie gut auszunutzen verstanden. Im Spätsommer war es mitunter doch schon ziemlich kalt, und Hände und Füße sehnten sich nach Wärme. So loderten bald überall Hirtenfeuer, die zugleich einem weiteren Zweck dienten, der den Buben sogar der wichtigste war. Obwohl die Felder abgeerntet waren, fanden sich doch überall noch Proben von Kartoffeln und Äpfeln, die in die Glut geworfen und hier gebraten, ganz vorzüglich schmeckten und außerdem eine willkommene Zusatzkost boten.

Herdenweise waren noch die Schafe vertreten. Jeder Bauer besaß einige Stück davon, die von dem Gemeindeschäfer, der sein Kommen pfeifend anzeigte, morgens ausgetrieben, tagsüber gehütet und gegen Abend wieder heimgebracht wurden.

Bei dieser Rückkehr sonderten sich die Tiere ganz von selbst an den einzelnen Anwesen von der Herde ab und suchten in ihrer Zusammengehörigkeit die Ställe auf. In der warmen Jahreszeit verblieben sie einige Wochen ganz im Freien, fanden unter Obhut und Leitung des Schäfers auf Wiesen und Feldern notwendige Futter und am Abend im Pferch ihr Nachtquartier. Ein Hund als getreuer Gehilfe seines Herrn übernahm mit diesem die Wache, wie sie auch tagsüber gemeinsam die Hut durchführten. Der Schäfer schlief in einer fahrbaren Hütte, der Hund unter ihr. Der Pferch, ein schnell aufzuschlagender und ebenso rasch wieder abzubauender Holzzaun, wechselte nach 1-2 Tagen immer wieder seinen Platz
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Zuvor schon waren die Schafe geschoren worden, was Ende Juni und am Anfang des Juli geschah, sodaß zur Reinigung der Wolle bis zu ihrer Verarbeitung hinreichend Zeit verblieb. Die Schafherden sind nun auch schon längst aus dem dörflichen Alltag verschwunden; nur ab und zu hemmt heute manchmal eine den fließenden Verkehr; sie setzt sich aber nicht mehr wie ehedem aus einzelnen bäuerlichen Beständen zusammen, sondern ist Eigentum eines Einzelnen, der Schafzucht als Beruf treibt.

So werden selbst die Haustiere, die dereinst zum eisernen Bestand eines jeden Hofes gehörten, durch die rasenden „Fortschritte“ unseres Zeitalters immer seltener und sterben gar aus, und auch unsere Dorfkinder werden in nicht allzu ferner den Zoo besuchen müssen, um die Tiere sehen zu können, die uns in unserer Kindheit noch täglich nahe und dabei liebe Freunde geworden waren.
Jetzt verdrängt der Motor auch schon das Pferd aus seinem Arbeitsbereich, das es jahrhundertelang unbestritten innehatte.

Sein Stallgefährte der Esel, ist bei uns schon vollständig ausgestorben. In meinen Knabenjahren kamen noch allwöchentlich einer oder ein Paar aus dem eine gute Wegstunde entfernten Steinau ins Dorf, um zu mahlendes Getreide abzuholen und das fertige Mehl mitzubringen. Das war dann jedes Mal für die männliche Schuljugend ein besonderer Freudentag, und das Gefährt wurde mit entsprechenden Zurufen begrüßt oder angefeuert. Mußte nun der Müller geschäftlich in ein Haus einkehren, dann waren die grauen Gesellen bald umzingelt und mußten sich allerlei Schabernack gefallen lassen. Hochstimmung kehrte bei uns ein, wenn der Esel den Schwanz hob.

Dann hatte bald die Stunde seiner Geduld geschlagen, das Weiterreizen brachte zwingend die Flucht des Grautiers, das frohe Gejohle der Buben, aber auch ihr blitzartiges Auseinanderstieben, wenn der herbeieilende Besitzer sichtbar wurde. Jeder wußte aus schon gewonnener Erfahrung, daß der Müller nach dem Grundsatz handelte: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, das heute zwar als barbarisch gilt, damals aber seine heilsame Wirkung als Erziehungsmittel nicht verfehlte. Die geflügelten Worte: „Dumm wie ein Schaf“, „Dummer Esel“ oder auch „Blöde Gans“ werden später einmal, genau wie heute ihre älteren Artgenossen die Fachwissenschaftler zur Deutung auffordern.

Das Straßenbild wäre unvollständig, sollten die Dorfbrunnen vergessen werden, die doch Diener für jedermann waren. Hier trafen sich vor allem die Hausfrauen und ihre Gehilfinnen, um das notwendige Wasser für Küche und den Haushalt zu holen. Manche hatten es dabei geradezu zu artistischen Fertigkeiten gebracht. Vollkommen frei auf dem Kopfe trugen sie, ohne dabei auch nur eine Kleinigkeit der flüssigen Last zu verspritzen, den Zuber, dazu beidseitig an Armen und Händen je einen Eimer; andere konnten nur den Zuber schleppen, den sie anfangs noch mit der einen Hand festhielten. Die Anfänger versuchten es zunächst mit zwei Eimern. Unaufgefordert half man sich gegenseitig , die Last auf den Kopf zu heben. Obwohl die Frauen über wenig Zeit verfügten, reichte es meist zu einem kurzen Schwatz und zur Verbreitung der neuesten Dorfnachrichten.

Das Wasser für das Vieh wurde meist von den Burschen in Holzeimern befördert, aus denen die zu Tränkenden das begehrte Naß sofort schlürften. Die Anlieger eines Dorfbrunnens machten sich die Arbeit leichter; sie lösten dem Vieh im Stall die Ketten und ganz von selbst schlenderten die Tiere zum Brunnentrog und ebenso wieder zurück.

Weiterhin war er auch eine vielbegehrte Waschmaschine für Wäschestücke und Viehfutter verschiedener Art. Frisches Wasser floß laufen ohne Zutun zu und trübes auf der Gegenseite ebenso ab.
Unsere Dorfbrunnen waren sämtlich nach dem Nützlichkeitsstandpunkt ausgerichtet; in anderen Dörfern war man aber auch auf etwas Gemütlichkeit und Bequemlichkeit bedacht. Eine Ruhebank und manchmal auch ein Baum verschönten das anheimelnde Bild.

Im Übrigen wurde die Straße auch ab und zu Schauplatz unterhaltender Darbietungen. Hierzu zählten die Moritaten, die der Erzähler vom gruseligen Schauer bis zur scherzhaften Heiterkeit darzustellen verstand. Auf einem rechteckigen übermannshohen Lattengerüst waren in mehreren übereinanderliegenden Bilderreihen Schauertafeln oder heitere Begebenheiten dargestellt. Eine Drehorgel hatte zuerst einmal die Besucher anzulocken, dann aber auch die Darbietungen des Erzählers musikalisch zu untermalen. Mit einem langen Stock schlug er aufmunternd auf das von ihm eben zu behandelnde Bild und trug dabei den Ablauf der Mär in Prosa oder Knüttelversen vor. Ein herumgereichter Hut nahm die freiwilligen Spenden auf. Dann wechselte er nach Bedarf seinen Standort, wobei die Jugend neugierige Begleiter blieben.

Ein stets besonders gern gesehener Angehöriger dieser ausgestorbenen „Berufsgruppe“ war bei uns „de Häzemer Schnockes“, von dem ich früher stets annahm, sein Wirkungskreis sei mehr der vordere Odenwald gewesen; später aber hörte ich wiederholt, er sei auch in der Umgebung von hier als „Schnuckes“ bekannt gewesen. Seinen Wohnsitz hatte er zwar in Habitzheim; seine wahre Heimat aber waren die Dörfer und Straßen des Odenwaldes. Äußerlich klein, unscheinbar und verwachsen, innerlich aber gesegnet mit einem heiteren Gemüt und frohen Sinn, zog er mit der Orgel, seiner steten Begleiterin, als fahrender Sänger durch die Lande und beglückte jung und alt mit seinen unerschöpflichen Reichtum an Lied, Scherz und Mutterwitz. Ein Bett als Nachtlager lehnte er ab; im Strohschuppen fühlte er sich wohler und geborgener. Jeder Bauer sah es fast als Ehre an, wenn er bei ihm übernachtete. Meinen Heimatort hatte er vermutlich besonders ins Herz geschlossen; kam es zum Abschiednehmen von seinen lieben, treuen „Brannes´che“, dann rollten ihm dicke Tränen in seine struppigen Bartstoppeln.

Sportliche und artistische Anschauung bot „de Reinemer Schorsch“, dem stets der Schulhof für seine Aufführungen zur Verfügung gestellt wurde. Obwohl das Unternehmen klein und einfach war, zeigten die gebotenen Darbietungen fleißige Übung und beachtliches Können. Den unterhaltenden Kleinbegebenheiten im sommerlichen Tagesablauf schlossen sich dann die der kalten Jahreszeit sowie die in Hof und Haus verlegten Winterarbeiten an.

Gleichsam Brückenstellung zwischen Sommer und Winter nahm die immer am 2. Sonntag im September stattfindende Kirchweihe ein, die an Vorbereitung, Ablauf und ansehen auch von den höchsten kirchlichen Festen nicht überboten werden konnte. Die Vorbereitungsarbeiten sind an anderer Stelle dieser Niederschrift schon kurz geschildert.
Der Ablauf fand seine Einleitung in dem Binden großer Kränze durch die Dorfjugend am Samstagabend in den Gaststätten, die Tanzvergnügen durchführten. Diese Gebinde, mit bunten Bändern geschmückt, fanden ihren Platz mitten an der Saaldecke. Ein weiterer Kranz, außen am Hause und weithin sichtbar, war an der Wirtschaft in der Dorfmitte aufgehängt; er kündete den Ort der „Kärweredd“ an, die am Sonntagnachmittag als Abschluß des Festzuges gehalten wurde und ähnlich wie bei unseren jetzigen karnevalistischen Veranstaltungen die hervorstechendsten lokalen Ereignisse des abgelaufenen Jahres glossierte.

Pünktlich um 4 Uhr nachmittags eröffneten dann die Kapellen mit Blechmusik den Tanz. Wer von den Burschen eine Partnerin zur ersten Tour gewinnen konnte, erhielt ein Sträußchen , aus künstlichen Blumen, das an der Brust mit besonderem Stolze über die Kirchweihtage getragen wurde. Die Sitzordnung der Besucher war ebenso nach alter Überlieferung festgelegt. Rings um die Tanzfläche standen die Tische für die Verheirateten und deren mitgekommenen Gäste; in der einen Saalecke war das Podium für die Kapelle errichtet.

Die Burschen hatten ihr eigene Trinkstube jenseits des Flurs, die Mädchen hielten sich gemeinsam an dem Flurende auf, das an dem Durchgang zwischen Trinkstube und Saal lag. Sobald die Kapelle einsetzte, stürmten die jungen Männer zu den auf Abruf bereit stehenden Schönen, winkten der Auserwählten mit dem Finger und führten sie zum Tanze. Nach dessen Ende wanderten die Paare in die Burschentrinkstube, wo den Mädchen ein Schluck Wein geboten wurde. Anschließend gingen sie wieder sämtlich auf ihren gemeinsamen Stehplatz, wo dann augenblicklich eines der vielen gekannten Volkslieder erklang. Das alles wiederholte sich laufend nach der derselben sich selbst gegebenen Ordnung; erst in den späten Abend-stunden fanden sich dann Tänzer und Tänzerinnen vereint in der Trinkstube.

Je kürzer die Pausen, je mehr Blechmusik, umso höher die Stimmung. Höhepunkte wurden immer und immer wieder das Aufspielen zum Dreher, dem Odenwälder Nationaltanz, der von vielen zwar getanzt, von wenigen aber nur leicht und spielend dargeboten wurde.

Der Montagmittag gehörte mehr dem verheirateten Teil; fanden sich die richtigen Gesellschaften zusammen, dann machten nicht allein Wirte und Musikanten, sondern auch alle Besucher, zufriedene und frohe Gesichter. Der Wein wurde in offenen Schoppengläsern getrunken und ging am Tische reihum. Die Mahlzeiten nahm man zuhause ein; daß dabei alles in Hülle und Fülle aufgetragen wurde, war ganz selbstverständlich; auf der Kärb ließ man sich nicht lumpen. Ausklang fand die Festlichkeit durch das Begräbnis der Kirchweih; wenn der letzte Tanz beendet war, zogen die Burschen wehklagend auf einen am Dorfrande gelegenen Acker, schaufelten dort eine Vertiefung und ließen zerbrochene Gläser, eine leere Weinflasche und Reste des Kirchweihkranzes darin verschwinden.

Wer nun glaubt mit dem Abschluß der Feldarbeiten im Spätherbst sei für den Bauersmann ein Abschnitt gänzlicher Ruhe angebrochen, der täuscht sich; nur die Wirkungsstätte verlagerte sich von Feldern in das bäuerliche Anwesen selbst und war nun unabhängig geworden von der sommerlichen Hast und Eile, die durchaus nicht etwa gewollt, sondern durch die Witterung in den Erntezeiten zwangsläufig bedingt war, sodaß die Arbeit nun durch gute Reden gewürzt und unterstützt, erholsamer und froher getan werden konnte.

Herausragende Bedeutung gewann dabei die bäuerliche Wohnung, die deswegen zunächst einmal eine kurze Betrachtung verdient. Sie stellte sich den Bewohnern und Gästen in behäbiger Größe vor und war fast in allen Bauernhäusern nach gleichen Gesichtspunkten ein- und ausgerichtet. In der einen Längswand stand das auffallend hohe Himmelbett; die Schlafstätte des Ehepaares, mit der dicken Federdecke, die als Gradmesser des Wohlstandes zu werten war; es war nicht nur der Wohn-, sondern auch von der nebenan liegenden Stube, der „Kammer“ zugänglich und konnte durch einen übergroßen bunt karierten Vorhang im Dunkel gehaltenen Ton, der von der Decke bis zum Fußboden reichte, verdeckt werden.

Daran reihte sich die große Kastenuhr, deren Zifferblatt in der Regel bunte Blumenmotive zeigte; sie wurde vielfach eine Beute der Kunstjäger, die gerade solche Ausstattungsstücke mit Vorliebe erjagten, dafür „modernen“ Ersatz brachten und damit den gewachsenen altbäuerlichen Stil zerstörten.

Die nun folgende Tür brachte den Zugang zur Kammer, die sich in ihrer ganzen Länge an die Wohnstube anschloß und als Schlafstätte für die Kinder und sonstige Familienmitglieder eingerichtet war. In dem verbleibenden Endteil dieser Wohnstubenwand hatte ein zweigeschossiger Ofen seinen Platz, der in erster Linie als Kochstätte diente und das Heizen als Nebenzweck miterfüllte. Hinter ihm führte eine Tür zur Küche, sodaß er von 3 Räumen aus, der Stube, der Kammer und der Küche, leicht zu erreichen und zu bedienen war.

An der anstoßenden Wand standen neben dem Ofen der Ruhesessel des Altbauern und bis zur Haupteingangstür reichend die Ofen- und Milchbank, die sich meist in Kastenform zeigte. Innen hatte sie eine Scheidewand. Die eine Abteilung war mit Wäschestücken des Alltags gefüllt, die andere diente zur Aufstellung von Milchtöpfen, die zur Rahmabsonderung einige Tage hier verbleiben mußten.

Darüber an der Decke befestigt, hing die Ofenstange; sie setzte sich aus 2 Längsstangen zusammen, die durch Querverbindungen Festigkeit erhielten und ein Gerüst zum Trocknen der verschiedenen Dinge bildeten. Alles konnte hier Platz finden: nasse Kleidungsstücke, halbfertige Handkäse, Erbsen und Bohnen in ihren Hüllen, Apfel- und Birnenschnitze, Nüsse usw. Man wird nicht behaupten wollen, daß diese Einrichtung der Gesundheitspflege hätte dienen können, praktisch und vielseitig verwendbar war sie auf alle Fälle.

In der Ecke zwischen der 3. Und 4. Wand stand der große Tisch; an den Wandseiten von einer Bank umgeben, die bei den Mahlzeiten einer meist größeren Kinderzahl als Sitzplatz diente. Die eine der beiden Wände zeigte noch den allenthalben schräg gehängten Spiegel, der oft noch mit Papierblumen umrankt war; an der anderen stand die Kommode. Dieser Raum sicherte für alle Geschehnisse hinreichend Bewegungsfreiheit.

Jetzt wurde meist die Obstverwertung vordringlich. Dem männlichen Geschlecht blieb die Herstellung des bäuerlichen Haustrunkes, des „Ebbelwois“ und des Birnenmosts für die Zubereitung der Latwerge vorbehalten. Dazu gehörten ein bogenförmiger Holz- oder Steintrog, ein schwerer runder Mahlstein mit einem Loch in der Mitte, durch das eine starke mehrere Meter lange, waagrecht laufende Holzstange ging, die in entsprechender Entfernung drehbar befestigt war, eine Kelter und die Bedienungsmannschaft. Das in den Trog geschüttete Obst wurde mit dem Mahlstein zerquetscht, der durch Schieben der Holzstange in Bewegung geriet; dann kam die so zerkleinerte Obstmasse zum Auspressen in die Kelter und der dabei gewonnene süße Apfelmost zur Gärung und Weiterbehandlung in die Fässer.

Der Birnensaft wurde zum Kochen in den Kessel geschüttet. Zur gleichen Zeit saßen Mädchen und Frauen als Birnenschälerinnen um den großen Tisch in der Wohnstube und bereiteten die Birnen zu, die dann ebenfalls in den Kessel wanderten, um dort mit dem Saft bei stundenlangem Kochen und Umrühren zu Latwerge zu werden, die einen begehrten schmackhaften Brotaufstrich abgab. Die Anzahl der gekochten Kessel Latwerge war ein Maßstab für die Tüchtigkeit der Hausfrau und den Wohlstand des Hauses und konnte darum Heiratsvorhaben junger Leute entscheidend beeinflussen helfen. Waren nun beide Abteilungen mit dem abendlichen Quantum der Obstverarbeitung fertig, dann kamen Brot, Butter, Käse und der gewonnene „Süße“, alles Selbsterzeugnisse, auf den Tisch, denen bei Lied und Scherz fleißig zugesprochen wurde.

Der größte Stolz einer jeden tüchtigen Bäuerin war ihr Vorrat an dem im eigenen Betrieb erzeugten Tuch, das eine ganze Reihe von Arbeitsgängen notwendig machte. Nach ihrer Reife wurden Hanf und Flachs als Rohstoffe auf frisch gemähten Wiesen in wohl geordneten Reihen dünn ausgebreitet, wo dann Sonne und Regen für die notwendige Mürbe sorgten, um sie brechreif zu machen. Wenn im die Herbst alle Feldarbeiten abgeschlossen waren und trockene Tage folgten, fuhr eines Morgens nahezu die ganze Hausgenossenschaft zur „Brechkaute“. Sie war in meiner Heimat an einem Abhang auf dem Kirchwege nach Neunkirchen angelegt und bestand aus einer, in den Rain ragenden ausgemauerten Grube, die oben mit Stangen und Horden abgedeckt wurde. Darauf kamen Lagen des mitgebrachten Hanfes und Flachses, die von einem auf dem Grubenboden unterhaltenen Holzfeuer solange erwärmt wurden, bis sie sich gut brechen ließen, was mit einem aus Holz hergestellten Geräte geschah. Die äußere Hülle des Stengels fiel dabei in trockenen wertlosen Stückchen ab, und die kostbaren Gespinstfasern, die das Innere des Stengels ausmachten und ihn seiner ganzen Länge nach durchzogen, wurden freigelegt.

Auch hierbei mußte der Schnaps wieder seine Dienste leisten, an kalten Tagen für die notwendige Wärme sorgen und an wärmeren den Arbeitseifer nicht erlahmen lassen. Daß es dabei recht lustig zugehen konnte, ist begreiflich. Der Brechtag war überhaupt ein kleines Familienfest, und die erstmalig Teilnehmenden wurden mit Sträußchen, die ja bei keiner Festlichkeit fehlen durften, erfreut und belohnt.

Schwingstock und Schwingmesser sorgten hernach noch für die restliche Beseitigung der noch im Gespinst verbliebenen unnützen Stengelteilchen. Waren die seitherigen Arbeiten für jeden Laien ohne weiteres ausführbar, so mußte das nun notwendig werdende Hecheln von fachmännisch geübten Hechler vorgenommen werden, der mit seinem Handwerkzeug bei vieler Geschicklichkeit die feinsten Gespinstfäden für das herzustellende Leinen aussonderte. Der Abfall, Werg genannt, bestand aus gröberen Fäden und wurde zur Herstellung rauer Tuche verwendet. Auch der Hechler war einem Gläschen Branntwein nicht abhold.

Jetzt kam die Zeit für das Spinnrad, das von allen erwachsenen weiblichen Gliedern der Haus-gemeinschaft den Winter über in jeder freien Stunde benützt wurde. Schon morgens in der Frühe, ehe noch das Vieh sein Futter erhielt, surrten die Räder bei spärlicher Beleuchtung, ebenso wie am Nachmittag oder in den Abendstunden. War eine Spule voll, so wurde sie durch eine leere ausgewechselt und das Garn dann auf dem Haspel zu Strängen gedreht; war hiervon genügend Vorrat geschaffen, so kamen die Stränge zum Kochen in Aschenlauge; anschließend mußten sie geklopft und zum Trocknen aufgehängt werden.

Die „Garngaas“, die die Stange nach ihrer letzten Reinigung nochmals aufwickelte, bildete das Schlußglied der Vorbereitung für das Weben, das vom Leinweber auf einem Handwebestuhl ausgeführt wurde. Bewundernd sahen wir als Buben diesem Vorgang zu; die Art seiner Arbeit entschied die Güte des Tuches.
Sobald dann der Frühling einkehrte und der Rasen sein grünes Kleid anlegte, waren die Hauswiesen mit langen Tuchstreifen belegt, die von der Sonne gebleicht und mehrmals am Tage begossen werden, eine Tätigkeit die meist dem Arbeitsbereich der Kinder zugeteilt war. Floß zufällig der Dorfbach durch den Wiesengrund wie bei meinem Elternhause, so war das Gießen leicht und bequem; mußte das Wasser aber zuerst herbeigeschleppt werden, dann erfolgte der Arbeitsablauf wesentlich lustloser.

Die fertigen Tuchbestände fanden wohlgeordnet in Schränken und Truhen ihren Platz, wurden zu allen möglichen in jedem Haushalte notwendigen Ausstattungsstücken verarbeitet und bildeten einen wesentlichen Bestandteil der Aussteuer heiratsfähiger Töchter. Heute noch werden mit berechtigtem Stolze solche Stücke gezeigt, die Generationen überdauerten und als Andenken an die Vorfahren in hohen Ehren stehen.

Solche Dorfwebereien waren im ganzen Odenwald in stattlicher Zahl vertreten; eine Statistik vor 100 Jahren verzeichnet für den Kreis Erbach allein noch 196; ein halbes Jahrhundert später war die Zahl auf 15 zusammengeschmolzen, und heute leben sie nur noch in der Erinnerung der älteren Generation; die Industrialisierung löschte diese Kleinbetriebe, die ehemals unsere heimische Wirtschaft stark beeinflußten, Schritt für Schritt langsam aber sicher aus.

In alten Bauernhäusern waren die oben genannten Geräte noch lange auf Speichern oder sonstigen Abstellräumen zu finden; ob die Entrümpelung in den beiden Weltkriegen und die lange Zeitspanne noch Reste vor der Vernichtung bewahrte, ist mir unbekannt. Es wäre für Erbach eine schöne und dankbare Aufgabe, wenn es als einstiger Mittelpunkt der Odenwälder Handweberei diese etwa noch vorhandenen Bestände retten, sammeln und in einem besonderen Raum zur Schau stellen könnte, umso mehr, weil es ja in seiner Tuchfabrik die gegenwärtige Herstellungsweise veranschaulicht.

Hand in Hand mit dem Spinnen des Flachses und Hanfes ging das der Schafwolle, das aber vorwiegend von älteren Frauen getätigt wurde. Die Arbeit war leichter und duldete auch einmal ein Ruhestündchen. Die Weiterbehandlung verlief ähnlich wie bei Hanf und Flachs. Das Stricken lag in den Händen der weiblichen Familienglieder, die wahre Kunststücke zu erstellen verstanden, vor allem aber jedes mit warmen Wollkleidungsstücken versorgten. Damals hatten Schillers Worte in seinem „Lied von der Glocke“ über das Walten der Hausfrau noch volle Gültigkeit;

„Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den scheeichten Lein
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer
Und ruhet nimmer.“

Aber nicht allein die Mädchen und Frauen, weil sie das Spinnrad drehen mußten, gehörten zu den Führaufstehern, sondern auch die Burschen und jungen Männer; sie hatten ja noch den ganzen Ertrag der Getreideernte zu dreschen. Dreschmaschinen waren damals bei uns noch unbekannt gebliebene Helfer; bis jetzt leisteten deren Arbeit noch Menschen und Dreschflegel auf den Tennen und Scheunen. Die Garben wurde in 2 Reihen längs der Tenne aufgelegt und zwar so, daß sie in der Mittellinie mit den Ähren zusammenstießen. Dann schlug die Mannschaft mit ihren Dreschflegeln solange darauf los, bis möglichst alle Körner aus dem Stroh befreit waren. Eine Mannschaft, zu der auch Frauen zählen konnten, bestand aus 3 bis 5 Personen; standen zufällig einmal 6 Kräfte zur Verfügung, so bildete man vorteilhaft 2 Arbeitsgemeinschaften. Das Dreschen hatte im Takte und stets in derselben Reihenfolge zu geschehen. Bei 3 Mann war das verhältnismäßig noch leicht; die Schwierigkeit wuchs, je mehr Kräfte zuschlugen. Bis eine Scheune ausgedroschen war, vergingen mehrere Wochen.

War ein gewisser Vorrat an Körnern gewonnen, so mußte die Windmühle zu deren Reinigung eingesetzt werden. Sie hatte auf der Oberseite einen größeren Trichter, der die ungereinigten Körner aufnahm. Durch eine Leier an der Seite wurde das verblüffend einfache Werk im Innern in Tätigkeit gesetzt und trennte nun durch den erzeugten starken Windzug Gutes vom Schlechten; die sauberen Körner rollten an der Vorderseite heraus, Staub und Abfall wurden nach hinten abgeblasen. In der Dreschzeit hallte das ganze Dorf vom Klappern der Flegel und der Windmühlen. Wozu eben noch Wochen und Monate nötig waren, erledigte kurze Zeit später die Maschine in Stunden und Tagen.

Während es beim Dreschen, außer in den Ruhepausen, kaum einmal Gelegenheit gab, sich kameradschaftlicher und geselliger Unterhaltung zu widmen, waren die abendlichen Spinnstuben hierzu besonders geeignet. Hierbei fanden sich die jungen Mädchen meist jahrgangsweise zusammen, um beim Spinnen oder auch Stricken Freundschaft und menschliche Verbundenheit zu pflegen.
Diese Zusammenkünfte fanden abwechselnd in den Häusern statt, in denen die jungen Leute ihr Daheim hatten. Schon die kurzen Vorbereitungen hierzu ließen die zu erwartende Gemütlichkeit ahnen.

Die Petroleum-Hängelampe, die sonst am Tische Licht zu spenden hatte, erhielt heute ihren Platz am warmen Ofen über einer Runde von Sitzgelegenheit.
Bald stellten sich auch schon die Besucherrinnen ein und die bereit gehaltenen Stühle mit der Milchbank waren schnell besetzt. Der Sessel neben dem Ofen allerdings blieb dem Bauern vorbehalten, die Bäuerin dagegen saß im Kreise der Mädchen. Schon war die Unterhaltung in vollem Gange, die Einleitung hierzu gaben selbstverständlich die jüngsten Dorfneuigkeiten die Beurteilung frisch geknüpfter oder auch Bruch von als sicher geltenden Liebschaften u.ä.m. Kam die Sprache auf das Gebiet der Ehewahl, so konnte auch der Bauer nicht schweigen: er zeigte sich als Fürsprecher einer ansehnlichen Mitgift. „Geld macht nicht glücklich, aber reich!“

Da stimmte zur Ablenkung auch schon eine Stimme eines des in diesen Kreisen noch lebendigen reichen Schatzes heimischer Odenwälder Volkslieder an. Und schon sang die ganze Gemeinschaft mit, ihr musikalischster Teil mit seiner selbst erfundenen Begleitstimme. Da gab es nie einen falschen Einsatz oder ein langes Hin und Her über das zu singende Lied. Bunt und abwechslungsreich war der Lieder-reigen, der heute leider weithin unbekannt geworden ist; von den vielen einige wenige, die sich jetzt zufällig in der Erinnerung vordrängen:

„Als junges Mädchen mußt` ich schon erfahren“.
„Wie wird mir so bange, daß ich scheiden soll“.
„Lebe wohl! Ich vergesse dich nimmer“.
„Schatz, mein Schatz reise nicht so weit von mir“.
„Auf dieser Welt hab` ich keine Freud“.
„Es welken alle Blätter“.
„Müde kehrt ein Wandersmann zurück“.
„Ist denn Lieben ein Verbrechen? “
„Ich ging durch einen grasgrünen Wald“.
„Die Gedanken sind frei!“ usw.

Kurz nach dem 8-Uhrläuten wurde eine Pause eingelegt und bei einem Gang durch die kalte Winternacht die „Spinnstube“ für den nächsten Abend in dem vorher ausgemachten Hause angesagt.
Nach der Rückkehr stellten sich allmählich auch die jungen Burschen ein, die sich in ländlicher Schüchternheit auf die Bank hinter dem Tisch setzten. Bei den nun weiterhin gesungenen Liedern stimmten sie ganz selbstverständlich mit ein; ebenso selbstverständlich fingen sie aber auch an zu necken und zu foppen, wobei die Stimmung wesentlich stieg. Den Liedern folgte vielfach als Anhängsel ein „Traller“, wie

„Aus ist`s mit dem Liedle“
„Drauße stäihst moi Gräitsche“
„Gäih mä nett iwer moi Äggerche“
„Holzebelbeemche, wie sauer iß doin Woi“
„Ich gäih nett haom, wanns dunkel iß“.

Dazwischen geisterte manchmal aber auch eine vom Bauer erzählte Gruselgeschichte durch den frohen Kreis; auch Schnurren, Schwänke, Volksrätsel, heimatliche Sagen oder Märchen würzten die Unterhaltung und hielten so bodenständiges Volksgut lebendig.

Der Glaube an Hexen, wie ich ihn später in Unterrichtsstunden in der hiesigen Gegend noch feststellen konnte, war in Brandau tot, nicht aber an die heilsame Wirkung des „Brauchens“. Ich habe selbst in Bekanntenkreisen erlebt, wie bei nicht mehr zu ertragende Zahnschmerzen der Kundige auf drängendes Verlangen der Geplagten herbeigeholt werden mußte, und nach wenigen Augenblicken schon nach der in völliger Abgeschlossenheit vollzogenen Prozedur die Glückliche aufatmend erklärte, ihre Schmerzen seien restlos beseitigt. Ähnliche Heilerfolge seien ihm jederzeit beschieden gewesen, was ich allerdings nicht verbürgen kann.

Immer und immer wieder war die Rodensteinsage anregender Unterhaltungsstoff in den Spinnstuben. War auch in erster Linie das Gersprenztal deren Hauptschauplatz, so nahm doch die gesamte Landschaft der Neunkircher Höhe lebhaften Anteil an ihr. Es waren auch bei uns viele, die in ihr erzählten Begebenheiten als Tatsachen erklärten, weil sie manches davon selbst erlebt haben wollten. Eine ganz außergewöhnliche Naturerscheinung in den unheilgeladenen Julitagen des Jahres 1914 gab den Überzeugten nach ihrer Meinung eine neue Bestätigung.

Bei besonderen Anlässen, wie an Fastnacht, bei Spinnstubenbeschluß oder am „Wannertag“, dem 3. Weihnachtstag, an dem das Gesinde seine Herrschaft wechselte, wenn es eine neue Stelle annahm, konnte die Bauernstube auch zum Tanzsaal werden. Niemand mußte damals einen besonderen Tanzkurs besuchen; Singen und Tanzen lernte man wie die Muttersprache so nebenbei ganz von selbst. Die Spinnstube mußte sich in manchen Gegenden harte Anfeindungen gefallen lassen, weil sie Gefahrenquelle für Moral und gute Sitten bilde. Bei uns konnte davon keine Rede sein; Bauer und Bäuerin als Mitglieder der Runde überwachten schon in ihrer Art das jugendliche Tun und Treiben, und auf dem Heimweg schien der Nachtwächter geradezu allgegenwärtig zu sein. Als Pflegestätte des Volksliedes, Hüterin und Förderin dörflicher Kulturgüter und Wahrerin alter heimatlicher Werte konnte sie bis jetzt von keiner neuen Gemeinschaft erreicht oder gar übertroffen werden. Und wenn sie auch einmal Treffpunkt sich Liebender sin konnte, so soll hierfür ein altes Odenwälder Volkslied entlastend als Zeuge aussagen:

„Ist denn Lieben ein Verbrechen?
Darf man denn nicht zärtlich sein?
Nicht mit seinem Liebchen sprechen?
Sich der Liebe gar nicht weih`n?
Hab ich denn ein Herz vergebens,
Oder bloß zum Sorgen nur?
Dann gereut es mich des Lebens,
Dann beklag ich die Natur.“

Überdies soll es Gelegenheiten zu einem Stelldichein auch heute noch geben.

Ein Bild stillen Genießens und innerer Selbstzufriedenheit bot der Odenwälder Bauer als Raucher.
Schon das Anzünden seiner Pfeife verbreitete einen Grad von Feierlichkeit. Ich sehe heute noch unseren Nachbarn in der Toreinfahrt zu seinem Hofe, wie er ohne jegliche Hast seinen Pfeifenkopf stopfte, ein Stückchen Zunder auf den Tabak legte, mit einem Feuerstein Funken schlug und sich sichtlich freute, wenn der Zunder Feuer fing und so den Tabak rauchfertig machte. Das Rauchen gehörte zu den Alltags-genüssen. Zigaretten kannte man überhaupt nicht; Zigarren gab es im Dorfe für drei, fünf und sechs Pfennige; letzter hatten nur einzelne Käufer. Der „kleine Mann“ begnügte sich mit einer Dreier, von denen er 7 Stück für 20 Pfennige erstehen konnte. Das höchste Ansehen genoß die Pfeife. Beim Kaufe war meist nur das Bild auf dem Pfeifenkopf entscheidend, das Landschafts-, Jagd- oder Motive aus dem bäuerlichen Leben zeigte; auch Sprichwörter dienten vielfach als Zierde.

Mit besonderem Stolze zeigten sich nach abgelegter Dienstzeit entlassenen Soldaten ihre „Reserve-pfeife“, deren Köpfe Bilder aus dem Soldatenleben, oft mit Namen seines Besitzers und dessen Truppenteil trugen. Die Forstleute bevorzugten grüne Köpfe und Rohre, bei deren Herstellung das Gehörn des Wildes als schmückendes Beiwerk verwendet war.
In einer besonderen Mußestunde vertiefte die lange Pfeife den Reiz der Gemütlichkeit und des Wohl-behagens; sie reichte bei der Benützung bis auf den Boden und konnte den im Sessel ausruhenden Rauchern besonders wohltuende Erholung bieten. Das Pfeifenrauchen war so allgemein verbreitet, daß die Herstellung von Pfeifen von ansehnlicher wirtschaftlicher Bedeutung war; auch der Odenwald hatte seine guteingebürgerten Fachgeschäfte; so kennt heute noch jeder eingeborene Erbacher beispielsweise „`S Pfeifeeiche“ im Graben. Die Beliebtheit der Pfeife war so groß, daß sie sogar besungen wurde und 2 Lieder feste Bestandteile unseres Odenwälder Liederschatzes bildeten.
„Pfeifchen wer hat dich erfunden? Wem verdankst du deinen Ruhm?“
Das eine und das andere in vollständigem Wortlaute.

„Wenn mei Pfeichen dampft und glüht
Und der Rauch von Blättern sanft mir um die Nase zieht
O, dann tausch ich nicht mit Göttern!
Schwindet dann der Rauch im Wind
Fang ich an zu lachen,
Ach, und so vergänglich sind, alle, alle andere Sachen.
Edles Kraut, du stärkest mich, gibst mir Kraft zum Leben,
Könnt ich, edler Tabak, dich nach Verdienst erheben!
Schenk, o Himmel, diesem Kraut Sonnenschein und Regen,
Und dem Landmann, der es baut, Wonne, Glück und Segen!

Das letzte Bild sei nochmals der Hausfrau gewidmet, die mit Fleiß und Erfahrung eine bekannte und begehrte Odenwälder Hausmannskost zu bereiten verstand. Freitags traf man sie bestimmt beim Butterstoßen am aufrechtstehenden oder auch beim Butterleiern am waagrecht liegenden Faß. In größeren Betrieben mußte diese Arbeit wöchentlich zwei- oder gar dreimal geleistet werden. Auch hierzu wurden die Kinder schon früh als Hilfskräfte oder zur Ablösung herangeholt. Am Freitagabend trugen dann „Butterfrauen“ die bäuerlichen Wochenerträge an Eiern, Käse und Butter zusammen, fuhren in der Nacht mit einem Frachtfuhrmann in dessen offenem Kastenwagen nach Darmstadt, um dort ihre Vorräte zu verkaufen. Meist hatten sie Privatkundschaft, sodaß ihnen wenigstens das Marktsitzen erspart blieb. Je nach den beim Verkauf erzielten Preisen erhielten dann im Laufe des Sonntags die Bäuerinnen ihr Geld, für 1 Pfund Butter durchschnittlich 70-80 Pfennig.

Eine unentwegte allerdings auch kerngesunde siebzigjährige Händlerin machte den etwa 5-stündigen Weg nach Darmstadt, um das Fahrgeld zu sparen, wiederholt zu Fuß, dabei den schweren Korb frei auf dem Kopfe tragend. Ein weiteres beliebtes Milcherzeugnis war der echte Odenwälder Bauernhandkäse, der allerdings bei seiner Herstellung eine sorgfältige Behandlung erforderte. Immer und immer wieder mußten die mit der Hand geformten Quarkballen nach dem Trocknen sauber gehalten, trocken oder feucht gereinigt, dann in Steinguttöpfe gesetzt und aufmerksam weiter behandelt werden, bis sie schließlich reif waren. Diese Kunst mußte wohl verstanden sein, gelang nicht immer und vor allem auch nicht jeder Hausfrau.
Zusätzlich war jede tüchtige Bäuerin auch noch ihr eigener Bäcker für das gesamte im Haushalte benötigte Brot; deswegen hatte jedes Anwesen seinen Backofen, der in der Regel alle 14 Tage in Betrieb gesetzt wurde. Beim Ausschießen der fertigen Brote standen wir, wenn kein Unterricht war, erwartungsvoll dabei, um die bei der Ofenhitze herausgebratenen „Knörrnchen“ auszubrechen und mit wahrem Heißhunger zu verspeisen.

Diese von den Bauersfrauen geleisteten gar nicht leichten Arbeiten wurden ihnen von jedem Gaste aber dankend und mit bestem Appetit belohnt, wenn ihm zum Frühstück oder Veper frische Butter, reife Handkäse und echtes Bauernbrot als nahrhafte und gesunde Odenwälder Hausmannskost vorgesetzt wurde.

Damit soll meine Bestandsaufname über das dörfliche Leben und Treiben in unserem so schönen und geliebten Odenwalde um die letzte Jahrhundertwende – mehr wollen meine Ausführungen nicht sein – Abgeschlossen werden. Für mich allerdings waren sie ein nochmaliges im Gedächtnis wurzelndes Wiedererleben meiner Jugendzeit.
„Erinnerung wirft lichten Schein ins späte Alter noch hinein!“